Warum prokrastinieren wir und was können wir gegen Prokrastination unternehmen? Wir zeigen Dir einen Weg aus dem Teufelskreis des Nichts-Tuns.
Academic Life

Diagnose: Aufschieberitis

Es ist schon fast ironisch: Gerade jetzt, wo ich dabei bin, einen Text über Prokrastination zu schreiben, bin ich selbst ein Prokrastinierer par excellence. Denn eigentlich sollte ich einige Umfrageergebnisse für einen wissenschaftlichen Artikel textlich und graphisch aufbereiten und mit weiteren Informationen ergänzen. Das Thema ist interessant, die Informationen auch für weitere Arbeitsprozesse nutzbar und die Anerkennung vom Chef so gut wie sicher. Eigentlich sollte ich mich mit Freude eifrig in die Arbeit stürzen. Stattdessen tippe ich diesen Artikel hier. Nette Dinge über Zeit und Produktivität zu schreiben, ist halt bei Weitem einfacher und spaßiger für mich, als den ganzen Tag in PDF-Dateien herumzustochern, trockene akademische Skripte zu lesen und neue Tortendiagramme zu kreieren. Außerdem kann ich damit doch immer noch morgen anfangen, oder?

Das Prokrastination die Gewohnheit ist, wichtige Dinge aufzuschieben und unliebsame Aufgaben durch angenehmere oder einfachere ins Abseits zu drängen, haben wir bereits in einem anderen Artikel geklärt. Auch, dass E-Mail, Twitter, Facebook und Netflix des Prokrastinierers best friends sind. DAS wir alle mehr oder weniger häufig prokrastinieren wäre also geklärt. Aber WARUM tun wir es?

 

Warum prokrastinieren wir?

Um die Prokrastination ein für alle Mal besiegen zu können, musst Du sie verstehen.

Also, warum prokrastinieren wir? Es gibt einige Gründe die einem hier in den Sinn kommen können, z.B. solche wie

  • ein übersteigertes Selbstvertrauen (á la „Das schaffe ich eh alles ganz easy“)
  • Startschwierigkeiten bzw. nicht zu wissen, wo man anfangen soll
  • falsche Prioritätensetzung bzw. das Gefühl, dass eine Aufgabe nicht so wichtig ist
  • schlichtweg Faulheit

Aber liegt die Verbreitung der Prokrastination wirklich genau an diesen Gründen? Wie ich bereits erwähnte, prokrastiniere ich genau in diesem Moment – aber ich tue es nicht, weil ich etwa eingebildet oder über die Maßen von mir überzeugt wäre. Obwohl ich schon viele Male Texte und Präsentationen fabriziert habe, weiß ich, dass ich mich trotzdem gut vorbereiten muss, um fristgerecht und zufriedenstellend liefern zu können. Gerade weil es nicht neu für mich ist, sollte ich also genau wissen, wann und wie ich anfangen muss. Bin ich einfach zu faul? Würde ich nicht so sagen. In Wahrheit erledige ich in der Zwischenzeit ja auch sehr viel andere Arbeit…

Nein, Du prokrastinierst nicht etwa aus Faulheit oder irgendwelchen der zuvor genannten Gründe. Du prokrastinierst, weil:

  • es Dir an einer gründlichen Portion Motivation mangelt
  • Du Deine jetzigen Gefühle im Vergleich mit Deinen zukünftigen unterschätzt, wenn Du Dir Ziele setzt oder eine Task-List erstellst

 

Gefühlsvergleich: Jetzt-Selbst vs. Zukunfts-Selbst

Menschen neigen dazu, eine Vielzahl an Dingen zu verschleppen. Du prokrastinierst vielleicht beim Aufschieben Deiner Seminararbeit, um unerwünschte Anrufe zu vermeiden oder wenn es darum geht, jemanden aus der Lerngruppe zu schmeißen, der es wirklich verdient hätte, Du es aber nicht tust…

Was wäre, wenn Du Deine zukünftigen Gefühle besser antizipieren und jetzt gleich (und nicht erst später) den Schmerz spüren könntest, der Dich trifft, wenn Du Deinen Bericht um drei Uhr früh am Morgen fertigstellen musst? Oder was wäre, wenn Du jetzt (anstelle von im nächsten Monat) fühlen könntest, was es bedeutet, sich noch eine Rüge vom Prof einzufangen, die eigentlich nur dieser leidige Kommilitone zu verantworten hat, der Dich und andere bei der Arbeit behindert?

Wenn Du Dein jetziges, aktuelles Selbst besser mit Deinem zukünftigen Selbst verknüpfen könntest (Du also jetzt fühlst, was Du beim Aufschieben sonst erst später und weit intensiver zu spüren bekämst), würdest Du sicher leichter die nötige Motivation aufbringen können, um Deine Aufgaben sofort und nicht erst morgen zu erledigen.

 

Tage, Monate, Jahre

Die Psychologen Neil Lewis von der Universitiy of Michigan und Daphna Oyserman von der University of Southern California fanden heraus, dass Menschen bei weit in der Zukunft liegende Ereignissen schneller anfangen zu handeln, wenn deren Entfernung aus der zeitlichen Perspektive von Tagen anstatt von Monats- oder Jahresabständen betrachtet wird: In einem Test sollten sich die Teilnehmer ausmalen, sie hätten ein Neugeborenes. Die eine Hälfte der Testpersonen sollte sich vorstellen, dass ihr Kind in 18 Jahren an die Uni geht. Die andere Hälfte hatte die Aufgabe, mit 6.570 Tagen zu rechnen. Natürlich ist das exakt derselbe Zeitraum. Interessanterweise begannen die „Eltern“, die den Zeitverlust aus der Tagesperspektive betrachten sollten, viermal schneller mit dem Sparen für die Ausbildung ihres Kindes als die Testgruppe, die in Jahresabschnitten zu planen hatte. Die Art und Weise, wie das noch zur Verfügung stehende Zeitkontingent gemessen wurde, beeinflusste demnach, wann die Probanden reagierten und mit dem Sparen für die Ausbildung ihres Kindes anfingen.

 

Die Prokrastination besiegen

Aus diesem Experiment der zeitlichen Perspektive lässt sich eine wertvolle Lektion ableiten: Die Wahrnehmung und effektive Nutzung von Zeit ändert sich je nach verwendeter Zeitrechnung wesentlich. Und zwar schlicht dadurch, dass in Tages- anstatt von Jahresabschnitten gedacht wird.

Du könntest diese Methode ebenso anwenden: Deine Deadline fürs Projekt ist nicht in zwei Monaten; sie ist in weniger als 60 Tagen. Aber warte! Du planst ja nicht damit, am Wochenende zu arbeiten. Und mindestens zwei Tage in der Woche sind mit anderen Dingen belegt. Das heißt, es sind nur noch 28 Tage übrig!

Wenn Du versucht bist zu prokrastinieren, finde einen Weg, Dir Dein zukünftiges Selbst zu visualisieren. Fokussiere den Schmerz, der aus den aufgeschobenen Dingen folgt und vergleiche ihn mit der Genugtuung und dem guten Gefühl das Dich erwartet, wenn Du Deine Aufgaben rechtzeitig erledigt hast.

Wenn Du das erfolgreich praktizierst, wird es Dir Dein zukünftiges Selbst danken.

Ich fühle schon das leichte Ziepen des schlechten Gewissens, schließlich habe ich meine eigentliche Arbeit ja sozusagen „prokrastinatorisch“ aufgeschoben…

 

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